Unser Team hatte das große Privileg, an einem Restorative Justice Kurs in einem Gefängnis in Südafrika teilzunehmen. Von Montag bis Samstag verbrachten wir täglich Zeit mit rund 30 ausgewählten inhaftierten Männern sowie einem nationalen und internationalen Team von etwa 25 bis 30 Ehrenamtlichen.
Bis zum Freitag vor Kursbeginn war jedoch unklar, ob der Kurs überhaupt stattfinden konnte. Das ursprünglich geplante Gefängnis sagte kurzfristig aufgrund von gangbedingten Gewaltausbrüchen ab. Jonathan Clayton reagierte schnell und kontaktierte zahlreiche Einrichtungen. Das Team stand bereit, ebenso die Finanzierung – nur ein Gefängnis fehlte.
Goodwood Correctional Services
Mr. Patter von Goodwood Correctional Services zögerte nicht lange und setzte sogar am Samstag in seiner Freizeit alle Hebel in Bewegung. Dadurch konnte der Kurs innerhalb von zwei Tagen organisiert werden.
Die Wartelisten für Teilnehmer waren lang, sodass dies kein Problem darstellte. Dennoch wäre eine so kurzfristige Organisation in Deutschland kaum denkbar. In Südafrika zeigt sich hier eine besondere Offenheit, weil viele Menschen den Wert von Restorative Justice erkennen.
Am Montag kamen wir schließlich in einem spontan organisierten Gefängnis an. Welche Insassen uns erwarteten, blieb zunächst offen. Auch die Räumlichkeiten waren ungewöhnlich, denn der Kurs fand in der Wäscherei statt.
Zwischen Wasch- und Mangelmaschinen bauten wir zehn Tische auf. An jedem Tisch saßen drei Insassen sowie zwei bis drei Facilitators.
Kleingruppen
Unsere deutschen Teammitglieder konnten jeweils eine eigene Kleingruppe als Co-Leiter begleiten. Nach einer gemeinsamen Begrüßung, Liedern und freiwilligen Gebeten startete der Tag.
Täglich wurden thematische Inhalte vermittelt. Dabei ging es unter anderem um Ursachen und Folgen von Straftaten, aber auch um Opferempathie, Gefühle und Bedürfnisse. Außerdem standen beschädigte Beziehungen, Verantwortungsübernahme sowie Vergebung und Wiedergutmachung im Fokus.
Anschließend vertieften wir die Inhalte in den Kleingruppen. Dort reflektierte jeder Teilnehmer seine eigenen Erfahrungen und Gedanken.
Lebendiges Unterrichten
Eine besondere Erfahrung war die Zusammensetzung des Teams. Unter den Kursleitenden befanden sich sowohl ehemalige Inhaftierte als auch Opfer von Straftaten.
Alle Beteiligten begegneten sich auf Augenhöhe. Gleichzeitig wurde deutlich vermittelt, dass es kein „wir“ und „die“ gibt. Stattdessen tragen wir alle sowohl Täter- als auch Opferanteile in uns.
Viele Kursleitende teilten offen ihre eigenen Lebensgeschichten. Dadurch entstand Vertrauen, und die Insassen konnten sich leichter öffnen. Gleichzeitig wurden sie ermutigt, Verantwortung zu übernehmen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Eigene Opfererfahrungen
Besonders bewegend waren die Berichte von Tatbetroffenen. Mehrere Gastsprecherinnen erzählten offen von ihren Erfahrungen mit schweren Straftaten.
Sie berichteten ehrlich über ihren langen Heilungsprozess. Gleichzeitig machten sie deutlich, wie sehr das Verhalten von Tätern diesen Prozess beeinflussen kann.
Für viele Insassen war das ein Wendepunkt. Sie begannen, über die Folgen ihrer eigenen Taten nachzudenken. Besonders beeindruckend war die Haltung der Opfer. Sie begegneten den Insassen nicht mit Hass, sondern mit Respekt und Offenheit.
Einige Insassen waren davon so berührt, dass sie diese Begegnungen kaum aushalten konnten. Gleichzeitig spendeten genau diese Momente Mut und Hoffnung.
Eine Frau hatte sogar in der Nacht vor ihrem Opferbericht für die Insassen noch das gemeinsame Mittagessen vorbereitet. Eine andere grüßte im Anschluss an ihren Beitrag alle persönlich mit Handschlag, während sie mit ihnen im Chor das Lied „Heal the World“ sang.
Wirklich sehr bewegende Beispiele!
Veränderungsprozess
Im Verlauf der Woche konnten wir viele Veränderungsprozesse beobachten. Die Gespräche, Vorträge und Übungen regten zum Nachdenken und Fühlen an.
In den Kleingruppen entstanden ehrliche und intensive Gespräche. Dabei hinterfragten viele Teilnehmer ihre bisherigen Denk- und Verhaltensmuster. Gleichzeitig setzten sie sich mit eigenen Verletzungen und begangenen Taten auseinander.
Einige Teilnehmer fragten gezielt nach Auswegen aus dem Gangleben. Andere bekannten sich sogar öffentlich dazu, ihre Gang verlassen zu wollen.
Manche entschuldigten sich unter Tränen bei den anwesenden Tatbetroffenen. Diese Momente waren besonders intensiv und zeigten, welches Potenzial in echter Begegnung und Verantwortung liegt.





